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Printmedien sorgten, zumindest bis in die 90er Jahre, für das erste Meinungsbild Tages. Gelesen wurde die Tageszeitung noch am Frühstückstisch. Ohne einen Blick in die Tageszeitung zu werfen, verließ niemand das Haus.

Wird heute vom Niedergang der Printmedien gesprochen, zeigt der Finger auf das Internet. Kostenlose Informationsangebote im Millisekundentakt heizen der Zeitungsbranche ein. Doch stimmt die These? Liest heute jeder nur noch kostenlos online und alle anderen Konzepte sind zum Scheitern verurteilt?

Mit Herausforderungen der Zeit beschäftigt sich han-online.de anhand von aktuellen Beispielen.

Printmedien - wohin geht die Reise?

Die Schwierigkeiten der Printmedien basieren auf sinkenden Leserzahlen und wegbrechenden Werbeeinnahmen. Das Phänomen betrifft nicht nur die Printmedien in Deutschland, sondern in allen Ländern der Welt. In der "ungewünschten Vorreiterrolle" sehen namhafte Zukunftsforscher die USA.

Ross Dawson, ein australischer Forscher, nennt sogar schon seit Jahren das Jahr 2017 als Schicksalsjahr für die großen US-Zeitungsverlage. Ändert sich die Entwicklung bis dahin nicht, "gehen die Lichter" aus. Das Dilämar ist, nicht nur kleine Blätter, die kaum hochqualitative Beiträge bringen, sind vom Auflagenrückgang betroffen.

Sogar bei Pulitzer-Preis-gekrönten Verlagshäusern fällt die Auflage in dramatischem Umfang. So unglaublich es klingen mag, in den ersten amerikanischen Großstädten erscheinen heute schon keine täglichen Print-Ausgaben der regionalen Zeitungen mehr. Immer mehr Verlagshäuser versuchen die "Flucht nach vorn" und trennen sich ganz von ihrer Printsparte. Veröffentlicht wird nur noch im Internet. - Aber woher sollen die bezahlenden Leser kommen?

Verlage in Deutschland fusionieren oder stützen sich

In Deutschland läuft das Zeitungsgeschäft ebenfalls schlecht. Ein Beispiel wäre die Frankfurter Rundschau. Am 13. November 2012 meldete der Traditionshaus die Insolvenz an. Dabei hatte das Label sogar noch Glück. Anfänglich sah es so aus, als würde die Frankfurter Rundschau ganz vom Markt verschwinden.

Eine Zukunft sahen die Hauptgesellschafter ( Medienhaus M. DuMont Schauberg - SPD-Medienholding DDVG) für die Zeitung nicht. Um so überraschender kam die Nachricht vom 27. Februar 2013 bei den Lesern an. Die FAZ meldete, dass die Frankfurter Rundschau, unter dem Dach des FAZ-Verlags und der Karl Gerold Stiftung, weiterhin unabhängig erscheint.

Kleine Traditionsverlage müssen schließen - HAN und HAN Extra

Am 05. Oktober 1844 wurde die erste Ausgabe der Harburger Anzeigen gedruckt. Herausgeber war der Verleger Carl Hergeröder. In den ersten Jahren, unter den Einschränkungen der Pressezensur bis 1848, war die Auflage noch klein. Etwa 300 Zeitungen wurden pro Ausgabe gedruckt. Im Jahr 1998 erreichten die Harburger Anzeigen und Nachrichten (kurz HAN), an sechs Tagen in der Woche gedruckt, ihren Spitzenwert. Täglich wurde eine Auflage von etwa 25.000 Exemplaren verkauft.

Dazu kamen, alle 14 Tage am Donnerstag, weitere 48.150 Druckauflage der HAN Extra. Über die HAN Extra wurden vor allem regionale Haushalte angesprochen, die nicht zu den Stammlesern der Harburger Anzeigen und Nachrichten zählten.

Das Aus der Traditionszeitung, an der die Axel Springer AG bis 2009 mit 24,8 Prozent beteiligt war, kam 2013. Die verkaufte Auflage, der bis dahin ältesten erscheinenden Tageszeitung Hamburgs, war auf 12.050 Exemplare gesunken. Ein Happy End, so wie für die Frankfurter Rundschau gab es leider nicht.

Düstere Zukunftsprognosen für deutsche Printmedien - aus 2030

Die Analysen von Ross Dawson räumen den Printmedien in Deutschland noch eine Schonfrist ein. Nach seinen Prognosen verschwinden gedruckte Titel in Deutschland erst im Jahr 2030. Damit ist die Lage in Deutschland noch nicht so dramatisch, wie in anderen Ländern.

Vom Sterben des Blätterwaldes sind nicht nur die USA, immer von der Richtigkeit der Ross Dawson - Prognose ausgehend, kurzfristig betroffen. Er kündigt das Sterben des Blätterwaldes in Großbritannien für 2019 an. In Kanada und Norwegen ist es 2020 und in Australien 2022 soweit.

Große Verlage reagieren

Die Angst geht in den Führungsetagen der Verlagshäuser um. Immer mehr angesehene Blätter müssen aufgeben. Große Verlage reagieren durch massive Personaleinsparungen. Die drastischste Veränderung in der Weichenstellung führte der Springerverlag durch.

Im Juli 2013 trat der Konzernvorstand für Zeitschriften und die "Bild"-Gruppe Andreas Wiele vor die Mitarbeiter. Er kündigte drastischsten Umbruch eines der größten Medienhäuser Europas an. Der Springer-Verlag verkaufte den größten Teil seiner traditionellen Printprodukte. Viele beliebte Zeitschriften und Tageszeitungen, die einen großen Anteil des Konzerngewinns erwirtschaftet haben, gehören dazu.

Verkauft wurde das Printmedienpaket, u.a. Hörzu, Bild der Frau und das Hamburger Abendblatt, an die Funke Mediengruppe. Da klingt es schon fast verwunderlich, dass die gedruckte Bildzeitung nicht Teil des Paketes war. - Mehr engagieren will sich das Verlagshaus zukünftig in der Onlinesparte.

Zumindest drängt sich der Gedanke auf, dass die größten Medienhäuser Europas den Glauben an eine Vereinbarkeit zwischen Geldverdienen und traditionellem Journalismus zunehmend verlieren.

Großartige Inhalte - Vertrauen auf Qualitätsjournalismus

Das Internet wird von vielen Zeitungsverlagen für die schwierige Lage verantwortlich gemacht. Trotzdem beurteilen erfolgreiche Internetunternehmer einzelne Traditionszeitungen als zukunftsträchtig. Ein Paradebeispiel bietet die renommierte US-Hauptstadtzeitung Washington Post.

Der operative Umsatz der Zeitung war zuletzt um 44 Prozent eingebrochen, obwohl der Inhalt der Zeitung immer politischen Zündstoff barg. Die Washington Post deckte einst die Watergate-Affäre auf. Aufsehen erregte das Blatt jüngst, durch die Enthüllungen um das NSA - Überwachungsprogramm Prism.

Im August 2013 wechselte, das durch investigativen Qualitätsjournalismus berühmt gewordene Zeitungshaus den Besitzer. Der Käufer ist ein Privatmann, dem jeder das Geldverdienen zutraut. Amazon Gründer Jeff Bezos übernimmt die Washington Post für 250 Millionen Dollar. Am Konzept möchte der neue Eigentümer nichts ändern.

Offenbarungseid der Verkaufsstrategen - falsche Vertriebskonzepte

Guten Journalismus kann es nicht zum Nulltarif geben. Trotzdem lässt sich fast jede Zeitung und Zeitschrift auf das Experiment ein, eine kostenlose Onlineausgabe zu veröffentlichen. Bezahlt wird die Onlineausgabe durch Werbung. Gleichzeitig haben viele Verlage drastisch Personal eingespart, um den Auflagenrückgang (Print) zu kompensieren. Jeder Wirtschaftsstudent im ersten Semester kann nachweisen, dass diese Strategie nicht aufgehen kann. Weniger Personal für zwangsläufig zu weniger exklusiven Artikeln. Der Leser hat damit das Gefühl, jeder schreibt von jedem ab. Der Informationsgehalt der Printausgabe und der Online-Ausgabe sinken.

Gleichzeitig macht sich der Verlag obendrein selbst Konkurrenz und das gleich in zweifacher Hinsicht. Stammleser stellen sich die berechtigte Frage, warum Sie zahlen sollen, wenn sie die Zeitung kostenlos online lesen dürfen. Per Tablett aufgerufen wird sogar der morgendliche Weg zum Briefkasten oder zum Kiosk gespart.

Werbetreibende müssen Ihr Budget selbstverständlich sparsam verwalten. Ausgegeben wird nur Geld im Rahmen des Werbebudgets. Werbegelder für die Onlineausgabe gehen dem Printmedium damit verloren. Das Anzeigengeschäft, ehemals das wichtigste Standbein jeder Zeitung, ist längst zu großen Online-Portalen abgewandert.

Geldverdienen lässt sich mit Journalismus erst wieder, wenn hochwertiger Journalismus mit neuen Konzepten vermarktet wird. Pay per view, in den ersten vier Wochen nach Erscheinen eines Artikels, wäre eine Möglichkeit dazu.